Ein Professor aus Aalen kritisiert unser Wirtschaftssystem

Hans Peter Schiffer im Gespräch mit Christian Kreiß

kreiss_christian_privat_72Prof. Dr. Christian Kreiß, Studiendekan im Studiengang Industrial Management, lehrt seit 2002 an der Hochschule Aalen Allgemeine Volkswirtschaftslehre, Finanzwirtschaft, Investitions- und Finanzplanung. Also jemand, der sich in unserem Wirtschaftssystem auskennt und seinen Studenten dessen Funktionsweise nahebringen soll. Doch in seinen Publikationen erklärt er nicht das System, sondern kritisiert seine offensichtlichen Auswüchse so harsch, dass es ihm schon eine Klage vor Gericht eingebracht hat.

Und so zielt die erste Frage auf die Vereinbarkeit von Lehrauftrag und der extrem kritischen Einstellung zum Lehrinhalt. „Kein Problem“, sagt Prof. Kreiß. Der Rektor hat ihm schon gesprächsweise bescheinigt, dass seine Analysen stichhaltig sind – wenn ihm auch die Schlussfolgerungen hinterfragbar erscheinen.

Christian Kreiß hat an der LMU München VWL studiert und in Wirtschaftsgeschichte bei Knut Borchardt promoviert. Danach ging er zur Bayrischen Landesbank ins Investmentbanking. „Dann waren Sie ja genau in dem Bankenbereich tätig, den Sie heute kritisieren“. Kreiß: „Nur dem Namen nach, denn damals waren die Aufgaben auf die Realwirtschaft bezogen und noch nicht im Derivate-Bereich auf Wettgeschäfte. Die Finanzierung von Großprojekten, von Unternehmenskäufen und später Börsengänge waren die Schwerpunktthemen. Erst als Ende der neunziger Jahre aufgeblasene Internetfirmen ohne Substanz zu wahnsinnig überhöhten Preisen an die Börse gebracht wurden, die Anfang 2000 abstürzten und die New Economy zusammenbrechen ließen, begann die schlimme Phase der Finanzwirtschaft.“

Und die führte von der ersten Krise weiter über den Schock nach dem 11. September 2001 in die Subprime-Krise 2007. Die war es, die Christian Kreiß aufwachen ließ. Jetzt an der Aalener Hochschule bei geringerer Arbeitsbelastung mehr Freiheit genießend, fing er an, nach den Fehlern im System zu suchen. Er scheute sich nicht, die Grundfesten der Marktwirtschaft wie Eigentums- und Bodenrechte in Frage zu stellen. Ihm fiel auf, dass sich die Vermögen auf immer weniger Menschen konzentrierten. Das war Marx und Engels schon 1848 im kommunistischen Manifest aufgefallen, aber deren Schlussfolgerungen teilt Kreiß nicht – kein Wunder, denn ihr Scheitern ist ja jetzt auch manifest.

Im Zentrum seiner Systemkritik stehen die leistungslosen Einkommen, als da sind Dividenden und Gewinne, Mieten und Pachten sowie Zinsen. Kreiß wird sehr emotional, wenn er fragt: „Mit welchem Recht kassieren die drei Quandt-Erben die Dividenden von BMW? Das leistungslose Einkommen gehört nicht an drei Erben, sondern an die vielen leistungslosen Menschen verteilt, die nicht arbeiten können!“ In Deutschland handelt es sich dabei immerhin um 500 Milliarden Euro.

Das provoziert natürlich die Frage: „Das Eigentumsrecht hat hier schon extreme Formen angenommen. Aber eine Enteignung wegen unmoralisch hoher, leistungsloser Einkommen wäre ein Einschnitt in unsere freie Marktwirtschaft mit unabsehbaren Folgen.“ „Nein“, entgegnet Kreiß, „es geht nicht um den Besitz, sondern um die Gewinnentnahme. Der Besitz könnte in eine Stiftung übergehen, ähnlich Bosch, und von den Erträgen der Stiftung müsste ein wachsender Anteil für gemeinnützige Zwecke ausgeschüttet werden.“

Kreiß kann sich empören über Stiftungen, die nur Almosen für soziale Zwecke zur Verfügung stellen oder die gar nur der Steueroptimierung dienen. Auch das Gegenargument, dass die Quandterben den Löwenanteil der Dividenden reinvestieren und nicht „verjubeln“, während die Ausschüttung an Bedürftige nur in den Konsum ginge, überzeugt ihn nicht. „Die rentierliche Reinvestition führt ja genau zu der weiteren Kumulation von Vermögen.“ Schiffer: „Aber sie schafft Arbeitsplätze!“ „Schon, aber wir produzieren eh viel zu viel.“ Und dann folgt die Fundamentalkritik an ständiger Produktivitätssteigerung und Wirtschaftswachstum, das nicht zu mehr echtem Wohlstand führt, sondern nur zu unsinnigem Überfluss von Waren und unakzeptablem Ressourcenverbrauch mit entsprechender Belastung der Atmosphäre. „Das muss in einer Depression oder in einem anderen Zerstörungsprozess enden“, meint er. „In der Tat, das ist eine Entwicklung des marktwirtschaftlichen Wirtschaftens, dem man sich entgegenstellen muss,“ muss Schiffer zugeben. „Aber alle Appelle an Konsumverzicht bei weniger Erwerbs- und mehr Sozialarbeit führen zu gar nichts, wenn am System nichts geändert wird. Nicht die Dummheit der Menschen führt zu den oft geschilderten unsinnigen Zuständen, sondern die falschen Anreize des Systems der freien Marktwirtschaft.“

kreiss-werbungKreiß steht auf und nimmt ein Exemplar seines neuesten Buches „Werbung – nein danke“, in dem er für eine Wirtschaft ohne (oft von Konsumenten kritisierte) Werbung plädiert. „Werbung ist Desinformation und schädigt die Marktwirtschaft. Die setzt nämlich einen informierten Käufer voraus, was die Werbung verhindert. Werbung für schädliche Produkte wurde schon verboten, warum nicht alle desinformierende Werbung?“ Diese Überlegung kann man nachempfinden, ahnt aber auch schon den Proteststurm der Werbewirtschaft, zu der der teuerste und bestverdienende Weltkonzern Google gehört. „Ein solches Verbot hat nicht die geringste Chance, in einer freien Marktwirtschaft durchgesetzt zu werden – und dann auch noch weltweit“, meint Schiffer.

Kreiß stimmt umstandslos zu. „Ja, warum plädieren Sie dann dafür?“ „Ich sehe mich als Aufklärer“, antwortet Kreiß, „als Aufklärer gegen die vielen Unwahrheiten, mit denen in der heutigen Mediengesellschaft zur Durchsetzung wirtschaftlicher und politischer Interessen gearbeitet wird. Ich glaube an die Kraft des richtigen Gedankens und an den Mut, ihm Gehör zu verschaffen. Bei meinem kürzlichen Besuch in Wittenberg sind mir die Tränen gekommen angesichts der Aufrichtigkeit und des Mutes von Luther. Es braucht solche Leute, um den Kompass zu eichen für eine gesunde gesellschaftliche Entwicklung. Und ich denke in längeren Zeiträumen. Ich kämpfe für eine Transformation in eine menschliche Marktwirtschaft in zwei Generationen.“

Ende des Monats erscheint der zweite Teil des Interviews, in dem es um die Möglichkeiten von kleinen regionalen Projekten geht, um Auswüchse des großen Systems wenigstens lokal zu begrenzen. Eine fundierte Kritik des Buches gegen die Werbung finden Sie hier.

Ein Kommentar

  1. Ich finde den Beitrag hervorragend. Schade nur, dass die meisten Menschen schnell dabei sind, das Wünschbare mit dem Machbaren zu verwechseln. „Wunsch – Ziel – Plan – Handlung“ das ist die Stufenfolge für Fortschritt, der oft durch Killer-Phrasen verhindert wird. Bei etablierten Systemen wie der Marktwirtschaft siegt eh die normative Kraft des Faktischen. Und die lebt von Anreizen.

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